Tiergeschichten für Kinder

Harry und Gabi

Ihre Geschichten und  Abenteuer – hier herunterzuladen: harry-gabi

Aufgeschrieben und gesammelt von Papa

Für meinen lieben Sohn

An den Geburtstagsfeiern Jesu 2007 und 2008

(Seit 2009 mit Tiernamen-Lexikon)

  1. Wie Harry sich in eine Gazelle namens Gabi verliebte. 4
  2. Die seltsame Geburtstagskerze. 8
  3. Als Pandy die goldene Riesenkrabbe aufspießte. 11
  4. Warum der Hummer schwarz wurde. 16
  5. Der große Schneesturm.. 22
  6. Harry und Gabi im Urwald. 29
  7. Weihnachten im Urwald. 48
  8. Der große Regen. 61
  9. Zero und die größte Überraschung der Welt 71
  10. Zurück in Hirschhausen. 87
  11. Kuno und der Algensalat 101
  12. Pandys neue Zahnspange. 123
  13. Harrys Kuckucksuhr 137
  14. Mike, die Mücke, und Franz-Xaver, der Frosch. 145
  15. Pankratz und Pauline. 158
  16. Picknick im Dschungel: Jan-Ullrich und Co. 167
  17. Harry und Fritz. 172
  18. Dragomir und Pankratz. 184
  19. Pankratz und Dragomir in Afrika. 191
  20. Namenslexikon aller Tiere, Menschen, Fabelwesen und Sonstigem (Zauberer etc.) 199

Und hier die Beste von allen:

6.    Harry und Gabi im Urwald

Es war an dem Sonntag, als Harry feststellte, dass alle Mitglieder der Hirschfamilie so ziemlich erschlagen waren von dem schrecklichen Schneesturm in der Woche davor. Harry sagte: „Ich verstehe, dass wir alle noch gefesselt von der schrecklichen Geschichte von vor einer Woche sind. Was haltet Ihr davon, wenn wir alle zusammen in den Urwald fahren zu Tante Elsbeth, der alten Elefantendame? Die freut sich sicher riesig auf uns und außerdem hat sie so schöne Negerküsse, die schmecken lecker.“

Pandy war der erste, der antwortete: „Au fein, Paps, das klingt total voll super. Aber wenn ich dir das sagen darf: Es heißt heutzutage nicht mehr  ‚Negerkuss‘, sondern ‚Schokoladenkuss‘.“ Papa war gar nicht böse, sondern stolz auf seinen Jungen, der genau wusste, wo es lang ging. „Na klar, Pandy, ich weiß doch auch, dass man nicht mehr ‚Negerkuss‘ sagt, weil ja die Menschen schwarzer Hautfarbe nichts dafür können, dass Schaumküsse mit Schokoladenüberzug so gut schmecken und nach ihnen benannt werden. Aber du warst eben auch noch nie bei Tante Elsbeth – die macht wirklich Schaumküsse, die aussehen wie Menschen schwarzer Hautfarbe.“

 

Pandy wusste genau, wann er seinem Vater nicht widersprechen sollte. Und dies war so ein Augenblick, denn sein Vater war besonders dann nicht sehr zugänglich, wenn er sich eine solche Mühe gab, etwas genauestens zu erklären. Pandy schwieg also ziemlich laut vor sich hin und stellte sich den Schaumkuss von Tante Elsbeth vor: Ein dicker schwarzer Bauch und innen drinnen herrlich leckerer Schaum der Milch von Ziegen und Schafen, also ein bisschen würziger als seine tägliche Milch von Berta, der dicken Kuh.

 

Auch alle anderen Familienmitglieder hingen so ihren Gedanken nach. Gabi überlegte sich, was sie im Urwald anziehen sollte. Fritjoff dachte an das Krokodil Kolja, von dem er schon viele Fotos gesehen hatte; dessen Milchzahn trug er ja die ganze Zeit um den Hals. Katharina träumte von Windeln aus Kokosblättern, die so ganz samt weich sein sollten, weil sie vorher stundenlang von Elsbeth getreten worden waren. Tyll wiederum wollte mit Willy, dem schnellsten Leoparden der Savanne, um die Wette laufen und überlegte schon, wie er trainieren könnte.

 

Nur Harry war es, dessen Mienenspiel echte Sorgen verriet. Vor einer Woche erst hatten sie die große Schneekatastrophe überlebt. Und nun wollten sie, durch ihn angeregt, in den Urwald: War das nicht ein noch viel größeres Abenteuer? Zwei Erwachsene, eine Gazelle und ein Hirsch, und fünf zum Teil ganz kleine Rehkitze und Hirschlein – konnte das gut gehen? Und wie sollten sie nach Afrika kommen – ihre monetären Reserven waren aufgebraucht, sie mussten also die günstigste Variante wählen: den Drachenflug.

 

Ja, Dragomir, der Drache, musste wohl wieder einmal einspringen und für den Flug sorgen. Dazu musste ein tragbarer und um Drago festschnallbarer Behälter gefunden werden, in den sieben Huftiere passten und jede Menge Kleidung, sieben Fallschirme und das Geschenk für Tante Elsbeth. Ach ja, Elsbeth. Die wusste ja noch gar nichts von ihrem Glück. Vielleicht war sie gerade im Urlaub oder unpässlich, bei so alten Leuten wusste man ja nie…

 

Harry geriet fast schon in Panik. Gabi kannte ihren Gaten wie eine Gazelle jeden Grashalm am Lieblingswasserloch in der Savanne. Natürlich sah sie ihm an der leuchtenden Nasenspitze sofort an, was los war: Ja, Harrys Nasenspitze leuchtete wie bei Rudi, dem Renntier. „Harry, mein Schatz, was hast du denn?“, fragte Gabi ihn etwas scheinheilig. Harry wusste als ebenso gelernter Gatte, dass sie ihn augenblicklich durchschaut hatte und es keine Ausflüchte gab. „Ja, äh, meine Liebe, äh, …“ Weiter kam Harry gar nicht, denn Gabi unterbrach ihn. „Schatz, du machst dir sicher Sorgen wegen Tante Elsbeth. Das brauchst du doch gar nicht. Weißt du, ich habe doch schon mit ihr gesprochen. Sie ist da und freut sich schon riesig auf uns. Auch konnte sie mir gleich die nächste Drachenverbindung nennen.  Dangalf ist gerade auf dem Durchflug von Alaska über Schottland nach Afrika und kann natürlich auch einen Abstecher zu uns nach Deutschland machen. Mach‘ dir also keine Sorgen, alles ist okay!“

 

Gabi, die Gute, hatte wieder einmal ihr geradezu sprichwörtliches Organisationstalent bewiesen. Einfach klasse, seine Gattin. Nur ihr Orientierungsvermögen war schrecklich. Gewiss würde sie sich schon gleich bei der ersten Palme verlaufen. Na ja, jeder hat halt seine Schwächen. Harry war nun richtig erleichtert und sagte: „Mein Liebste, danke für deine Hilfe! Das hast du ja wieder super geregelt. Vielleicht sollte ich Dangalf über dein Satellitentelefon erreichen?“ „Nimm lieber den Drachenfunk, Schatz, darüber ist er immer leicht erreichbar.“ „Stimmt, Gabi, der Drachenfunk.“

 

Harry hasste den Drachenfunk. Der war so schrecklich altertümlich, so, wie bei den ganz alten Kurbeltelefonen halt. Er nahm das Drachentelefon in seine beiden Hufen und kurbelte erst einmal zehn Minuten wie wild, ehe er eine Verbindung bekam. Wahlweise musste er kurbeln, um sich danach sofort den Hörer an die Ohren zu halten, denn nur so konnte er hören, ob schon eine Verbindung hergestellt war.

 

„Hallo, hier die Vermittlungsstelle. Bitte, mit wem spreche ich?“, fragte ihn eine Stimme aus der Hörmuschel. „Ja, äh, hier ist Harry, äh“, sprach Harry. Vor lauter Verlegenheit machte er viele Fehler und versprach sich. „Habe ich Sie richtig verstanden: Ich spreche mit Herrn Harry Äh?“, flötete die Elster am anderen Ende der Leitung. „Nein, äh, Fräulein vom Amt, sie sprechen mit Harry Hirsch aus Deutschland. Ich möchte gerne mit dem Drachen Dangalf verbunden werden. Können Sie das bitte für mich regeln?“ Harry hatte nun seine Fassung wieder gewonnen und seine Stimme war klar und deutlich, wenn auch mit einem leichten Lispeln, das seine unterschwellige Nervosität verriet.

 

Edwine, die Elster, konnte das natürlich regeln, denn dafür war sie ja angestellt. „Ja, Herr Hirsch, natürlich kann ich das für Sie regeln! Wenn ich es Ihnen sage, drücke Sie bitte auf die Taste ‚1‘ ihres Drachentelefons und dann sind Sie verbunden, ja?“, fragte Edwine freundlich. „Ja natürlich, Fräulein“, antwortete Harry erleichtert. Gespannt wartete er auf das verabredete Zeichen. Das aber ließ auf sich warten. So fing Harry an, mit Gabi zu sprechen. Da plötzlich hörte er das Wort ‚Eins‘, aber es war nicht Edwine, sondern Pandy, der seine Gattin fragte, ob er einen Pullover oder lieber zwei mitnehmen sollte. Nun war es um Harry geschehen. Er drückte die Taste ‚Eins‘ und die Verbindung war gestört.

 

Harry ärgerte sich schwarz. Nun musste er von neuem beginnen und die junge Dame vom Amt musste ihn für einen alten Narren halten, der noch nicht einmal bis eins zählen konnte, geschweige denn eine Taste bedienen. Harry wurde rot. Schweiß rann ihm über das Gesicht. Er kurbelte wie verrückt, so dass beinahe dieselbe abgebrochen wäre. „Ja, hallo, hier die Vermittlungsstelle. Bitte, mit wem spreche ich?“ „Mit Harry, natürlich, dem Hirschen. Entschuldigen Sie, aber mein Sohn sprach im Hintergrund und da griff ich zu“, wollte Harry sich rechtfertigen. „Wie meinen Sie das, mein Herr: Haben Sie ihm etwas getan?“ Edwine war außer sich. War sie etwa Zeugin eines gewalttätigen Übergriffes geworden? „Nein, mein Fräulein, ich griff doch nur die Taste zur falschen Zeit.“ „Na, dann sagen Sie es doch gleich. Dann ist es ja gut, Herr Hirsch, dann ist ja gut. Versuchen wir es ein zweites Mal, ja?“

 

Harry war das Ganze vollkommen oberpeinlich, und er wäre gerne in den Boden versunken, aber leider stand Gabi neben ihm. Und das wäre ihm noch peinlicher vor ihr gewesen, wenn er im Boden feststeckte und nur noch sein Geweih schaute heraus…  Also musste er sich zusammenreißen und die Zähne zusammenbeißen, was ihm gut gelang, denn er hatte noch die zehnten (Anmerkung: Hirsche können bis zu zehn Mal Zähne bekommen, so dass Karies praktisch keine Rolle für sie spielt, anders als bei kleinen Kindern). Locker bleiben, sagte sich Harry, ganz locker bleiben. „Ja, natürlich. Versuchen wir es nun ein zweites Mal“, versuchte Harry möglichst ruhig und nüchtern anzumerken.

 

„Dann möchte ich Sie bitten, nur auf mein Kommando hin bei ‚Eins‘ auf die Taste ‚Eins‘ zu drücken“, klang es hoheitsvoll aus dem Hörer. „Ja natürlich, junge Dame. Nicht dann wenn mein Sohn ‚eins‘ sagt, sondern dann wenn Sie es sagen.“ Harry hörte im Hintergrund, wie das Fräulein von der Telefonzentrale mehrmals versuchte, Dangalf zu erreichen. Immer wieder schien es, als hätte sie ihn dran, dann aber blieb es nur bei den Hintergrundgeräuschen des Tastendrückens und Kurbelns der jungen Dame. Das alles dauerte endlose lange Minuten, die Harry vorkamen wie Ewigkeiten. Er war gespannt wie ein Flitzebogen, denn er wäre wirklich in den Boden versunken, wenn er wieder einen Fehler gemacht hätte.

 

Dann aber war es so weit: „Ja, hallo, wer ist denn da? Bist du es, Drago?“ „Nein, ich bin es, Harry.“ „Ach du bist es, Harry. Ich kann dich so schlecht verstehen, ich fliege gerade über Grönland in einem Schneesturm. Was kann ich für dich tun?“ Dangalf beherrschte die Kunst, in einem Schneesturm zu fliegen und gleichzeitig ein Handytelefonat zu führen, was eigentlich verboten ist. Aber er konnte es tun, weil er sein Handy an seinem Bauch festgeschnallt hat und über eine Freisprechanlage verfügte. „Na, Dangalf, was hältst du davon, bei uns heute Abend einzukehren, bei einem Glas Drachenbier und Pfannkuchen mit Drachenblut?“ Harry versuchte, Dangalf langsam und schonend darauf vorzubereiten, dass er die ganze Hirschfamilie nach Afrika fliegen sollte.

 

Dann war die Verbindung unterbrochen. Harry hörte nur noch ein Tuten, dann gar nichts mehr. Das Fräulein vom Amt räusperte sich und fragte: „Ist wieder etwas dazwischen gekommen?“ Harry war immer noch ganz irritiert. „Nein, junge Dame, diesmal habe ich nichts getan, was falsch gewesen wäre. Er war nur ganz plötzlich weg.“ Mitleidig erwiderte Edwine: „Na, Herr Hirsch, wird schon werden. Kann ja jedem mal passieren.“ „Nein, mein Fräulein, dafür kann ich diesmal wirklich nichts.“ „Macht doch gar nichts, Herr Hirsch.“ Offensichtlich dachte das Fräulein vom Amt, das Harry ein Trottel war und wollte ihn einfach ein bisschen trösten. Darüber war Harry wiederum untröstlich und wusste nicht, was er sagen sollte.

 

Da unterbrach Edwine ihn in seinen trübseligen Gedanken: „Herr Hirsch, ich habe mit meinem GPS-Ortungssystem nachgeforscht. Dangalf ist etwas vom Weg abgekommen, wohl durch den Schneesturm. Die Verbindung war wohl zu schlecht. Keine Sorge, ich kann ihn weiterhin versuchen, anzurufen, und Sie dann später benachrichtigen.“ „Das wäre klasse. Ich habe heute den Drachenfunk zum ersten Mal benutzt und hätte nicht gedacht, dass es so anstrengend ist.“ „Ja, Herr Hirsch, das ist nicht so einfach. Der Drachenfunk gewährleistet aber auch fast immer eine Verbindung hoch in den Himmel – fast so gut wie ein Gebet.“ „Ja, Fräulein, da haben Sie recht – fast so gut wie ein Gebet, nur dass die Gebete niemals unterbrochen werden und man auch nicht durch das Kurbeln ins Schwitzen gerät, hahaha.“ Harry wollte seine Unsicherheit etwas überspielen und versuchte, herzhaft zu lachen, was ihm aber nicht so gut gelang. Edwine meinte aber gutmütig: „Ja, Herr Hirsch, ganz der Alte, nun haben Sie wieder gut lachen. Ich werde mein Bestes versuchen.“ Harry bedankte sich artig: „Ja, super, vielen herzlichen Dank. Dann erstmal noch einen schönen Abend, Fräulein.“ „Nennen Sie mich doch nicht immer ‚Fräulein‘. Ich heiße Edwine Krähenfuß!“ „Oh, angenehm. Dann noch einen schönen Abend, Fräulein Krähenfuß.“

 

Nun war wieder einmal guter Rat teuer. Was sollte er tun? Genaueres wusste er nicht und konnte also somit auch nicht planen. Wie so häufig stand ihm seine liebe Gattin zur Seite, die ihn aufmuntern wollte. „Ach Harry, mach‘ dir keine Gedanken. Irgendwie kommen wir schon nach Afrika. Dieses oder nächstes oder übernächstes Wochenende, das spielt doch keine Rolle. Hauptsache, wir haben uns lieb und allen geht es gut.“ Harry gab seiner besseren Hälfte, wie man so sagt, recht und sprach: „Ja, mein Gabilein, es wird schon werden.“ Sie versammelten sich inzwischen am Abendbrottisch, als plötzlich das Telefon klingelte – einmal kurz, zweimal lang, das verabredete Zeichen für den Drachenfunk.

 

Harry spurtete sofort los und wäre beinahe hingefallen.  „Hier Frau Krähenfuß von der Drachenfunk-Zentrale. Spreche ich mit Herrn Harry Hirsch?“ „Ja, natürlich, Frau Krähenfuß“, freute sich Harry und passte nun ganz besonders auf, dass er nichts falsch machte. „Herr Hirsch, ich verbinde“, wurde Edwine nun amtlich: „Bitte tun Sie nun gar nichts, sondern warten bitte nur ab, ja?“ Harry konnte den zweifelnden Unterton von Edwine nicht überhören und bestätigte mit einem lauten ‚Jawohl’. Schon war er mit Dangalf verbunden. „Harry, altes Haus, tut mir Leid vorhin. Wir hatten einen schlimmen Schneesturm und da ging wirklich gar nichts mehr. Jetzt bin ich gerade über Hamburg und in zehn Minuten bei dir. Stell‘ doch schon mal das Drachenbier kalt, ja?“ Harry war natürlich über die unerhörte schöne Wendung überglücklich und antwortete sogleich: „Super, Dangalf, natürlich bist du herzlich willkommen. Und wir wollten ohnehin gerade zum Abendbrot essen. Es gibt auch dein Lieblingsessen: Geröstete Kartoffeln mit Peperoni in Käse-Sahne-Soße.“ Nun kannte Dangalfs Vorfreude keine Grenzen mehr. „Käse-Sahne-Soße, sagst du? Na dann bin ich schon in fünf Minuten bei dir.“ Sprach’s und setzte zum Landeanflug an.

 

Derweil teilte Harry den unerwarteten Besuch von Dangalf mit, was allgemeinen Jubel auslöste, bei Gabi allerdings auch leichte Bestürzung. „Harry, bist du verrückt? Die gerösteten Kartoffeln isst er doch ganz allein zur Vorspeise. So viele Kartoffeln haben wir doch gar nicht!“, zischte sie ihm leise zu, damit es die Kinder nicht hören sollten. Gabi war ob der plötzlichen Gastfreundlichkeit ihres Gatten richtig empört. Harry aber meinte nur: „Aber meine Liebe, wer will denn gleich so böse werden? Dangalf ist weit gereist und soll uns doch nach Afrika fliegen. Da ist es doch nur normal, wenn wir ihm wenigstens ein Abendbrot spendieren, oder?“ „Da hast du natürlich Recht, aber wenn er nichts zu essen bekommt, wird er ärgerlich auf uns werden.“ „Lass mich nur machen“, beschwichtigte Harry seine Frau, „ich werde das schon regeln.“

 

Sprach’s und öffnete die Haustür, um den Landeanflug seines späten Gastes zu beobachten. Pandy hatte gerade das Räucherfass für diese Fälle angezündet, das sie immer bereithielten, denn sie hatten häufig Drachen zu Gast. Dangalf kam ihm Sturzflug über das Dach geflogen, etwas zu tief, wie es Harry schien. Ja, drei Ziegel nahm er mit, die schallend zu Boden krachten und Kasimir, den Kater, von der Mäusejagd aufschreckten. Mit lautem Quietschen kam Dangalf zum Stillstand. Nicht umsonst hieß Dangalf mit Spitzname ‚Bruchpilot‘.

 

Dangalf rappelte sich schnell wieder auf, nur der Schaden, den seine Bruchlandung verursachte, dürfte nicht so einfach zu beheben sein. Eine richtige Einflugschneise in den Wald hatte er hinterlassen. Da und dort qualmte es sogar, weil er mit den Pfoten versucht hatte zu bremsen. Deshalb rochen die Seinigen auch so richtig schön streng nach verbranntem Drachenhorn. Auch ein Flügel schien etwas in Mitleidenschaft gezogen zu sein. Dafür war Dangalf guter Dinge und freute sich auf das Festmahl bei Harry und Gabi.

 

Harry war der erste, der sich fasste und räuspernd drückte er das Willkommen seiner Hirschfamilie aus: „Dangalf, altes Häuschen, wie geht’s und steht’s denn so?“ „Na sehr gut, Harry. Tut mir leid das mit den umgeknickten Tannen, Fichten und Birken. Aber du weißt ja, das mit den Landungen ist nicht so meine Sache“, sagte Dangalf reumütig und blickte alle lächelnd an. Alle hatten Verständnis, selbst Alena, die die Baumschonung mühevoll bepflanzt und bewässert hatte. Auch ihr alter Teddy lag dort begraben. „Hi, Dangalf, hast du mir etwas mitgebracht?“, fragte sie lauthals und alle Kinder umringten ihn sofort. Dangalf hatte immer etwas ganz Ausgefallenes für die Kinder mitgebracht, deshalb, aber nicht nur deshalb, war er so beliebt bei ihnen. Diesmal hatte er ihnen allen kandierte Schneeflocken mitgebracht, eine grönländische Spezialität, die er im Vorbeifliegen mitgenommen hatte.

 

Gabi gab dann das entscheidende Stichwort: „Lieber Dangalf, sei herzlich willkommen bei uns. Komm‘ nur herein!“ Dabei schaute sie erwartungsvoll auf Harry, denn der hatte ja versprochen, für das leibliche Wohl von Dangalf zu sorgen. Harry tat so, als hätte er den Blick seiner Gattin nicht gesehen. Harry nämlich hatte sich überlegt, mitten im November ein großes Lagerfeuer aufzuschichten und dort viele hundert Kartoffeln, mit Alufolie beschichtet, unterzubringen.  Ein Sack allerbester Frühkartoffeln sollte wohl den allerstärksten Drachen zufrieden stellen. Ja, Dangalf gehörte zu den Drachen der Kategorie ‚***‘, also drei Sterne für Kraft, Stärke und Power, also für das Gleiche. Auch Dragomir gehörte dieser Kategorie an, wobei Drago noch stärker war, auch weil er besser fliegen konnte.

 

Während nun Dangalf mit Gabi, Alena, Katharina und Tyll in die Küche ging, um sich zu stärken, baute Harry mit seinen beiden ältesten Söhnen Fritjoff und Pandy das Lagerfeuer auf. Das war nicht schwierig. Beide Kinder liebten es, im Wald Unmengen an Reisig und totem Holz zu sammeln. Und weil sie einen riesigen Garten hatten, war es auch ganz einfach, das viele Holz aufzuschichten und zu stapeln. Schon dutzende Male hatten die drei Lagerfeuer errichtet, allein in diesem Jahr war es sechs. So waren sie also geübt und kamen schnell voran. Harry holte den Sack Kartoffeln, während die Kinder die letzte Hand an das Holz legten.

Schon begann das Feuer zu brennen. Die Flammen schlugen hell in die sternenklare Nacht. Funken wirbelten in die Luft. Pandy und Fritjoff hatten die Aufgabe, den Funkenflug genauestens zu beobachten, damit nichts schief gehen konnte. Harry holte Dangalf und die anderen Familienmitglieder aus dem Haus. Dangalf war bester Dinge. Nun sollte er nach fast vierundzwanzig Stunden endlich etwas hinter die Kiemen bekommen: Röstkartoffeln, seine Lieblingsspeise.

 

Drinnen machte sich Gabi zu schaffen und richtete den Abendbrottisch festlich her. Dangalf hatte bis dahin noch nicht erfahren, dass er die Harry-Hirsch-Familie nach Afrika fliegen sollte. Er würde sicher auch nichts dagegen haben. Aber sie wollte ihn auch nicht überfallen, sondern ihm Gastfreundschaft erzeigen. Derweil brannte das Lagerfeuer lichterloh. Papa, Pandy und Fritjoff hatten, wie nicht anders zu erwarten war, ganze Arbeit geleistet. Katharina und Tyll staunten nicht übel, als sie das bisher größte Feuer ihres noch jungen Lebens sahen. Und Alena war so gut aufgelegt, dass sie anfing zu tanzen. So einen richtigen Feuertanz, ganz ausgelassen und anmutig, wie es eben nur ein kleines Rehkitz von gerade einmal acht Jahren konnte. (Anmerkung: Natürlich ist ein Rehkitz von acht Jahren nicht mehr jung und knusprig, sondern in Wirklichkeit schon steinalt, aber die Harry-Hirsch-Familie ist ja auch eine ganz besondere.)

 

Dangalf war bester Dinge. Er ahnte schon, dass etwas ganz Besonderes in der Luft lag und wartete darauf, bis Harry mit ihm darüber sprechen würde. Ja Harry war ein echter ‚Knuff‘, wie man in Drachenkreisen sagen würde, also einer, der andere nicht ausnutzte, sondern auf fast altmodische Art behutsam vorging. Deswegen klappte auch das meiste, was er tat. Wahrscheinlich lief es wohl auf eine abermalige Reise nach Afrika hinaus – wie schon in der Vergangenheit nicht selten. Mit der Harry-Hirsch-Familie zu reisen war meistens recht lustig und immer sehr angenehm. Sicher, manchmal gab es auch Streit, aber nur um Kleinigkeiten. Natürlich wollte jeder der kleinen Hirsche hinter seinem linken Ohr sitzen und mit ihm über dieses und jenes auf der Fahrt sprechen. Auch begehrt war das Platz gleich hinter der Nackenspitze: Von dort hatte man immer die beste Aussicht.

 

Nachdem sich Dangalf nun von Herzen gelabt hatte und so richtig pappsatt war, ging es wieder nach drinnen. Nun aßen auch die anderen alle, und es wurde einander freundlich zu geprostet. Das Drachenbier mundete Dangalf köstlich, und Gabi befürchtete, bald gar nichts mehr davon zu haben. Aber Harry hatte beizeiten schon für reichlich Nachschub gesorgt. Nun konnte Dangalfs Laune nichts mehr trüben. Die beste Zeit also, von ihrem Vorhaben zu berichten. Es war die kleine zarte Alena, die vor Neugier schier zerplatzte und nicht mehr an sich halten konnte. Sie prustete los: „Onkel Dangalf, wir wollen nach Afrika, nimmst du uns mit?“ Aller Augen warteten auf dem riesigen Drachen, der sich in der Küche pudelwohl fühlte, wenn er sich auch wie eine Zieharmonika zusammengefaltet hatte. „Na klar, meine liebe Alena, ich muss ja sowieso dorthin. Es macht mir doch immer eine große Freude, mit solchen netten Leuten wie euch zusammen zu sein.“ Harry war die Erleichterung anzusehen. Zwar wusste er auch, dass dieser Freundesdienst schon zu erwarten war, aber gerade deshalb wollte er es nicht als selbstverständlich ansehen.

 

„Ja, meine Kinder und du, liebe Frau, da wollen wir ihm zusammen schon mal alle ‚Danke‘ sagen.“ „Danke“, erscholl es aus sieben Kehlen, von ganzem Herzen. Nun ging es um die Einzelheiten des Fluges. Sie wollten im Morgengrauen um vier Uhr starten, dann nämlich, wenn die Winde oberhalb der Wolkendecke am stärksten waren. Dangalf war zu groß, um im Haus zu übernachten, deshalb wurde er im Garten mit alten Decken und Kartoffelsäcken überhäuft. Das reichte aber nur aus, um seine Schwanzspitze zu bedecken. Der Rest trotzte der Polarnacht, denn es war immer noch so kalt, wie am Wochenende zuvor, als der Staatswald Nr.1 mit Schnee vollkommen bedeckt war. Dangalf machte das alles gar nichts aus. Seine Drachenhaut war allein 20 Zentimeter dick, dahinter kam eine 10 Zentimeter dicke Fettschicht. Schon allein die Schuppen seines Panzers waren bestens geeignet, ihn vor Kälte und Hitze und allem anderen zu schützen. Ein Wunder war es nur, wie er sich mit diesem gewaltigen Gewicht, das jeden Bullen schier platt drücken würde, würde Dangalf sich auf ihn legen, in die Lüfte erheben konnte. Dafür sorgten seine beiden großen Flügel aus Drachenhaut, die, ganz modern, mit Neopren überspannt war.

 

Dangalf war hundemüde und schlief sofort ein. Er schnarchte so laut, dass Siegfried, der deutsche Schäferhund, die Ohren einzog und anfing, ganz erbärmlich zu jaulen. Harry holte ihn schließlich ins Haus hinein und führte ihn in den Keller, wo es ganz leise war. Normalerweise schlief Siegfried immer mit Ohrstöpseln ein, weil er so geräuschempfindlich war. Aber Dangalfs Schnarchen war so laut, dass sie auch nicht halfen. Er war halt sensibel, der Siegfried, was man diesem bärenstarken, wenn auch etwas empfindlichen Schäferhund nicht zutraute. Ja, Siegfried war ein rechtes Sensibelchen: ein falsches Wort – und er war den Tränen nahe.

Harry und Gabi packten derweil die Sachen für den kurzen Trip in die Wildnis, während die Kinder den Schlaf der kleinen Reh- und Hirschlein schliefen. Es war ja nur für die Zeit von Montag bis Mittwoch, dem Nationalfeiertag der Waldtiere, der immer ganz festlich begangen wurde. Noch gar nicht so lange her war es, da grenzte an den Staatswald Nr.1 ein anderer Wald namens ‚die Zone‘. Das wäre ja gar nicht schlimm gewesen, denn es geschah sicher des Öfteren, dass ein Wald an den anderen grenzte. Schlimm war nur, dass beide Wälder, der Staatswald Nr.1 und die Zone, ein breiter Graben trennten, den niemand überqueren durfte. Na ja, aber das ist wiederum eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden. Wichtig ist doch nur, dass dieser schreckliche Graben gar nicht mehr vorhanden ist: Man hat einfach Unmengen von Wasser hinein gefüllt, so dass ein kleiner Fluss mit zahlreichen Tümpeln, Weihern und sogar Seen entstanden ist.

 

Es war kurz vor Morgengrauen, als Harry und seine Gemahlin fertig mit dem Packen waren. Schon wollten sie sich hinlegen, als Henry, der Hahn, krähte. Normalerweise krähen die Hähne nicht um vier Uhr morgens, noch vor Sonnenaufgang. Aber Henry war ein ganz gemütlicher Haus- und Hofhahn, der auch dann krähte, wenn man ihn darum bat. Weil Gott es aber nicht vorsah, dass ein Hahn vor Sonnenaufgang krähte, mussten Harry und Gabi ihm einen Wecker schenken – und natürlich stellen, denn mit seinem Schnabel konnte er den Wecker ja nicht einschalten. Und auch das Ausschalten war beschwerlich. Der Wecker schepperte oft 10 Minuten vor sich hin, bevor sich jemand über Henry erbarmte und ihn vor den ohrenbetäubenden Misstönen des Weckers rettete. Ein Wecker, der 10 Minuten lang klingelt, hat die äußerste Lautstärke erreicht und weckt auch Lebensmüde auf.

 

Diesmal war es Dangalf, der den Wecker mit seiner Schwanzspitze ausstellte. Fröhlich sprach er zu Henry: „Morjjn, Henry, du altes Haus!“ Und Henry erwiderte: „Morjjn, Dangölfschen“, denn er stammte aus Frankreich und dort spricht man so. Nun setzte Henry zu seinem schönsten Kikeriki an, besser gesagt, er wollte ansetzen, denn seine Stimme versagte. Das wäre ja alles nicht so schlimm gewesen, wenn nicht auch das Anti-Husten-Mittel Henrys versagte. Auch ein Schluck Wasser half nicht, konnte es auch nicht, denn das Wasser war durch die Polarkälte eiskalt gefroren. Nun war es Dangalf, der aushalf (das reimt sich sogar!).

 

Auf Drachisch ahmte er den Schrei von Henry nach, was ungefähr so klang: „Kökörikü“. Dangalf wusste um seine schwache Kikeriki-Leistung und wollte sich verbessern: „Kükürikä!“ Besonders das Ausrufezeichen hatte es ihm angetan, denn das trötete er besonders laut hervor, so dass nicht nur die ganze Harry-Hirsch-Familie wach wurde, sondern auch der ganze Wald, ja sogar Außenbezirke von Berlin, und das will schon etwas heißen. Besorgte Berliner riefen bei Polizei und Feuerwehr an, die aber nichts Auffälliges feststellen konnten als eben einen etwas verzerrten und deutlich zu lauten Hahnenschrei, der so klang, als wäre er unter großen körperlichen Qualen hervorgebracht worden.

 

Augenblicklich waren alle Hirsche samt Gazelle wach, nahmen die schon gepackten sieben Sachen und stürmten heraus zu Dangalf. Es war verabredet, das Frühstück in südlicheren Gefilden, und auch wärmeren, einzunehmen. Fritjoff und Pandy mussten immer wieder einen Blick auf ihre Eltern richten, wobei Gabi noch während des Gehens laut aufschnarchte, immer wenn sie einen Huf vor den anderen setzte, so müde waren sie. Harry erging es nicht besser: Er träumte die ganze Zeit von Palmen und wilden Tigern. Am besten war es, die beiden völlig unter Schlafmangel leidenden Eltern auf Dangalf festzuschnallen.

 

Alena bekam den besten Platz ganz vorne auf Dangalfs Nasenspitze. Tyll und Katharina wurden vorsichtshalber unter den beiden Ohren festgeschnallt. Dort war es fast windstill, wobei die beiden dennoch alles genauestens nach hinten sehen konnten – eine herrliche Aussicht auf die Erde unter ihnen hatten sie. Fritjoff und Pandy teilten sich jeweils eine Bauchfalte von Dangalf, denn Dangalf war nicht nur steinalt, sondern auch schon etwas beleibt, so dass sein Gewicht beträchtlich war. Das machte aber, komischerweise, einen Flug mit ihm auch sehr angenehm, trotzte er doch so den vielfältigen Winden, die ihm aufgrund seiner Masse kaum etwas anhaben konnten. Das Gepäck wurde mit Tauen befestigt – nun konnte es losgehen.

 

Doch einen hatten sie vergessen: Siegfried, den deutschen Schäferhund. Es war Pandy, dem es als erstem auffiel. „Siggi, komm‘ zu mir“, lockte er Siegfried. Aber Siegfried wollte nicht. „Tu doch nicht so verbissen, Siggi, nun komm’ schon“, versuchte es Pandy erneut. Es war nichts zu machen. Siegfried war deutsch und blieb es auch. Nur wenn seine unmittelbaren Vorgesetzten, also Harry und Gabi, sich bei ihm melden würden, würde er seinen derzeitigen Posten, seine Hundehütte nämlich, verlassen. Harry und Gabi aber waren fast in Trance gefallen, also weder ansprechbar noch transportfähig, geschweige denn zu einem Befehl in der Lage. Nun war guter Rat teuer. Würden sie Siegfried, den deutschen Schäferhund, alleine zu Hause lassen, würde er glatt verhungern, selbst wenn Pandy ihm sein Futter hingestellt hätte, denn er nahm nur Futter aus den Händen von seinen Vorgesetzten, Harry und Gabi eben.

 

Pandy ging in die dritte Klasse der Gemeindeschule und kannte schon eine Menge Tricks. In der Schule gingen sie einmal in einen Zirkus und dort war ein Stimmenimitator aufgetreten. Pandy versuchte immer wieder, die Stimmen seiner Mitmenschen nachzuahmen, was ihm verblüffend gut gelang. Also versuchte er es auch mit der Stimme von Gabi. Leider ohne Erfolg. Bei Harrys tiefer Bassstimme ging es schon besser. Sofort sprang Siegfried, der deutsche Schäferhund, auf und rannte schnurstracks zu Harry hin, dessen Hand Pandy hielt und der ihm nun das Hundehalsband um den Arm wickelte. Siegfried war ja nicht dumm und durchschaute sofort, den listigen Trick Pandys, konnte aber nichts mehr machen, denn er konnte sich ja nicht von dem Arm losreißen, das hätte ihm als Ungehorsam ausgelegt werden können.

 

Nun war alles geklärt. Dangalf konnte starten. Er schaltete die Beleuchtung ein, die aus Tausenden von Leuchtkäfern bestand, denen er immer Cola aus Angola zu trinken gab, so dass sie besonders hell leuchteten. Auf Kommando von Lisa, der Ober-Leuchtkäferin, begannen ihre Schwestern und Brüder entweder grün, blau, rot oder orange zu leuchten, je nachdem, was gerade von Dangalf gewünscht wurde. Besonders Tyll fürchtete sich vor dem wechselnden Farbenspiel der Leuchtkäfer, aber Katharina nickte ihm gut zu, und so war alles in Ordnung. Nur das Schnarchen von Gabi irritierte die Kinder gar sehr, aber da ließ sich nichts machen.

Mit einem schnellen Spurt, zu dem Dangalf alle Kräfte benötigte, setzte die Reisegesellschaft hurtig an. Leider ging dabei die Hundehütte von Siegfried, dem deutschen Schäferhund zu Bruch, was diesem gar keine preußischen Gedanken entlockte. Weil es aber unter den Augen der Vorgesetzten geschah, die zwar schliefen, gab er keinen Mucks von sich. Schon waren sie hoch über den Baumwipfeln steil gen Himmel gestartet, alles schien bestens. In gut einer Stunde würden sie in Afrika bei Elsbeth sein. Sie würden also kurz vor Sonnenaufgang Afrika erreichen und mit Elsbeth frühstücken. Sorgen bereitete Dangalf nur eines: er musste mal für kleine Tigerenten respektive Tigerbabys. Er hatte seine volle Blase ganz vergessen in all der Aufregung. Was sollte er machen?

 

Unter sich sah er nur eine ewig lange Wasserwüste. Hier und dort ein paar winzig kleine Schifflein, ganz possierlich anzusehen. Da – er sah von ferne seine Rettung: ein Flugzeugträger. Schon öfter hatte er davon geträumt auf so einem gewaltigen Schiff zu landen, aber er traute sich nicht, er war eben doch zu schüchtern. Nun konnte er nicht mehr an sich halten. Es musste sein, tot oder lebendig. Aber was würden die Matrosen auf dem langen und stabilen Schiff dazu sagen? Wahrscheinlich gar nichts. Im ersten Augenblick würde ihnen die Spucke auf der Zunge stecken bleiben, dann würden sie schießen. Ja, die Menschen konnten gut schießen. Was also sollte er machen? Er schickte eine Unterhändlerin voraus, seine beste Freundin. Theodora, die Taube, war seine ständige Begleiterin. Sie waren beide fast gleich alt und konnten fliegen. Mehr verband sie nicht, aber das reichte schon aus. Und: Theodora konnte die Sprache der Menschen sprechen. Welches Tier konnte das sonst noch?

 

„Theodora“, sprach Dangalf möglichst leise, um Harry und Gabi nicht zu wecken. „Theodora, mein allerliebstes Täubchen, kann ich dich kurz stören?“ Natürlich ließ sich Theodora liebend gerne von Dangalf stören. Nicht nur Freundschaft verband sie mit ihm, wenn er auch alles darüber hinausgehende verschmähte – eine Liebe zwischen Drache und Taube, wer hätte je davon gehört. „Natürlich darfst du mich stören, Dangalf, das weißt du doch“, erwiderte Theodora fast ärgerlich. Nach jenem Vorfall im Sommer versuchte Dangalf ihr aus dem Weg zu gehen, was ihm nicht recht gelingen konnte, schließlich bewohnte Theodora eines seiner Löcher, von denen Dangalf übersät war. Das waren Hinterlassenschaften all der Bäume, die er streifte, und all der Vögel, mit denen er zusammen stieß. Ja, im Popo steckte immer noch ein Storchenschnabel, den er vergessen hatte, zu entfernen.

 

„Theodora“, versuchte es Dangalf erneut, „mein Täubchen.“ Dangalf stockte der Atem und wurde ganz rot. Er hatte zu viel gesagt und sein Herz verraten. Aber egal: Jetzt war keine Zeit für irgendeine Liebelei, mit wem auch immer. „Ich habe einen sehr gefährlichen Auftrag für dich. Bitte fliege zu dem Flugzeugträger da unten hin und sprich mit dem Kommandanten. Ich muss landen, um Lolo zu machen.“ „Dangalf, mein Schatz: Was meinst du mit ‚Lolo‘?“ Nun wurde auch Theodora puterrot, jedenfalls unter ihrem Gefieder. „Mädchen, du machst es mir aber schwer. Ich muss einfach mal für kleine Tigerentchen oder, wie man auch sagt, für kleine Tigerbabys.“ „Ach so, sag‘ das doch gleich. Kann ich ja nicht wissen, dass du mit ‚Lolo‘ eigentlich nur ‚Soso‘ meinst, wie wir Tauben das so sagen.“ Dangalf war sichtlich genervt: „Theodora, mein kleines Täubchen: Gibst du mir nun eine Antwort oder nicht?“ Theodora antwortete so wie eine langjährig verheiratete Ehefrau langsam und würdevoll: „Also erst mal bin ich nicht dein ‚Mädchen‘ und dann kann ich ja nichts dafür, dass du ‚Lolo‘ oder ‚Soso‘ musst, nicht wahr?“ Theodora genoss es sichtlich, Dangalf etwas warten zu lassen. Natürlich war klar, dass sie ihm helfen würde, aber sie wollte ihn zappeln lassen. Und deshalb machte ihr ihre Zickerei ein wenig Freude.

 

Dangalf stöhnte auf: „Theodora, bitte. Ich kann nicht mehr. Sofort tust du, um was ich dich bitte, oder ich muss eine Notlandung versuchen.“ Nun war höchste Eile geboten. Dangalf war schon fast gelb geworden, weil der Harn ihn so drängte. Sogleich schoss Theodora in Richtung Kommandobrücke des Flugzeugträgers und pochte vorsichtig mit dem Schnabel an das Glas. Neugierig öffnete ein Leichtmatrose die Tür zur Brücke. Und meldete die Taube dem Kapitän: „Chef, da ist eine Taube, die mit dir sprechen will. Theodora heißt sie wohl.“ „Waaas, eine Taube namens Theodora, die mit mir sprechen will?“, erwiderte der Kapitän ungläubig: „Ja, hast du sie denn noch alle? Bist du besoffen, oder was?“ Leichtmatrose Lothar verbat sich energisch solche Verdächtigungen und meinte: „Die Taube sagt, dass ein Drache im Anflug sei, der nur landen will, um sich mal eben zu erleichtern. Darf er oder nicht?“ Kunibert, der Kapitän, war sprachlos. Was sollte er sagen? Eine sprechende Taube und ein im Landeanflug begriffener Drache, das haut den stärksten Seebär um. „Theodora meint, dass der Drache in jedem Fall landen muss, weil er nicht mehr kann. Also, Chef: Ja oder nein?“ Kunibert war gespannt, was kommen würde. So richtig glauben konnte er das Ganze nicht. Aber andererseits konnte er auch nicht eine angeblich sprechende Taube verhaften oder den Leichtmatrosen, der meinte, sie könne es. Auch konnte er nicht auf einen möglicherweise anfliegenden Drachen schießen lassen: Seine Offiziere hätten ihn für ‚Plemplem‘ gehalten, was soviel heißt wie ‚Meschugge‘, was wiederum auf Bayrisch heißt: ‚Hoast noach oalle Toasn im Schrank?‘

 

Dangalf sah nur noch, wie Theodora das verabredete Zeichen gab: Heftiges Flattern mit den Flügeln, mal links, mal rechts. Dann stürzte er auch schon im allergefährlichsten Sturzflug hinab, so übel, dass sogar Gabi aufwachte, aber sofort wieder einschlief, als Dangalf mit lautem Quietschen der Hinterpfoten, mit denen er bremste, auf dem Deck des Flugzeugträgers aufschlug. Sofort stolperte er in Richtung Reeling und schon kam es: Alles hinab auf Willibald, den Wal. Denn Willibald, der Wal, schwamm, wie so oft, neben dem Flugzeugträger her. Es war sein Lieblingsflugzeugträger. Er hieß ‚Nullachtfünfzig‘, von seinen Freunden ‚Fifi‘ genannt. Die Matrosen waren nett und winkten ihm zu. Ab und zu warfen sie ihm auch etwas zu essen herunter; besonders Hamburger liebte er.

 

Nun traf es ihn auf das Haupt: Der warme Strahl von Dangalf. Der wollte gar nicht mehr aufhören und konnte es auch einige Zeit nicht. Denn seine Blase war gewaltig und prall gefüllt. Seit Alaska, als er mit Dragomir dort einige Bierchen zischte, hatte er sich schon nicht mehr erleichtert. Jetzt ergoss sich eine warme Dusche auf Willibald, den Wal. Den störte es zunächst nicht, dachte er doch, es wäre nur ein warmes Abwasser des Flugzeugträgers. Dummerweise bekam er einen Spritzer auf seine Zunge ab. „Ihh, pfuibäh, das schmeckt ja grässlich. Bist du es, mein Freund Dangalf?“ Das warme Lolo schmeckte und roch nach dem Drachen-Pilsner No.8, dem besonders herben Gesöff des Hauses ‚Rachenputzer Haha‘.

 

„Ja, maii“, ließ sich Dangalf vernehmen, „bist du es, mein Lieblingswal Willibald, altes Häuschen? Du musst schon verzeihen, aber ich konnte nicht anders und wusste nicht, dass du neben dem Flugzeugträger nebenher schwimmst.“ „Ja, geh‘, du alter Drachenschwanz. Ist schon in Ordnung, wenn es in höchster Not geschah. Schön, dass wir uns wieder sehen bzw. jetzt gerade wieder riechen und schmecken.“ Dangalf war es durchaus peinlich, dass er vor Willibald, der Harry-Hirsch-Familie, aber auch vor Hunderten von Soldaten seine Notdurft in flüssiger Gestalt verrichtete. Alle staunten: Über den riesigen Drachen, über den gewaltigen Strahl und den Frieden, der von allem ausging. So, als ob das alles gar nicht anders sein konnte, als dass ein großer Drache auf einem Flugzeugträger landete und mit einem Wal auf Deutsch sprach, den er eigentlich voll traf, mit seinem Strahl.

 

„Hey, Sie da, ja Sie meine ich, Herr Drache“, hörte man Kunibert, den Kommandanten. Er war immer noch perplex und wusste nicht, was er sagen sollte. So etwas war ihm noch nie geschehen. Das stand nicht in seinen Dienstanweisungen drin. Er wusste folglich nicht, was er noch großartig sagen sollte. „’Dangalf’, ‚Dangalf’ heiße ich, Herr Oberkommandierender“, erwiderte Dangalf brav und artig. Die Amtsbezeichnung ‚Oberkommandierender‘ schmeichelte Kunibert, denn er war ja nur der Kapitän des Schiffes, wenn auch eines großen Schiffes. „Ähem“, räusperte sich Kunibert, „ich bin nicht Oberkommandierender, sondern nur Kommandant, immerhin. Olaf ist der Oberkommandierende der ganzen Flotte. Was wollen Sie auf meinem Kahn, äh Schiff.“ Weil Kunibert nervös war, versprach er sich. Er war wirklich auf einem Kahn gefahren, einem Segelschiff, bevor er zur Kriegsmarine ging.

 

„Na, Herr Kommandant, das kann man doch sehen, was ich tue: Pinkeln! Und das ist übrigens nicht verboten. Das Meer ist groß und verdünnt alles vortrefflich. Das steht auch in Ihrem Offiziershandbuch, nicht wahr?“ Kunibert war noch mehr perplex: Ein sprechender Drache, der sich sogar in militärischen Dingen auskannte. „Ja, natürlich ist das freie Urinieren ins Meer an Bord eines Schiffes nicht verboten, wenn auch unüblich. Freilich können Sie bei uns ja nicht auf die Toilette gehen, so dass das in Ordnung geht.“ Und an die Mannschaft gewandt sagte er: „Alle Mann wegtreten, nun habt ihr genug gesehen.“

 

Dangalf begriff nun langsam, dass er sich von dannen schleichen musste. Ein Drache auf einem Flugzeugträger – wer hatte so etwas schon einmal gesehen? Kunibert, der Kommandant, wusste offensichtlich auch schon nicht mehr, was er seiner Mannschaft sagen sollte. Deshalb fragte Dangalf knapp: „Lieber Herr Kommandant, erbitte die Erlaubnis, starten zu dürfen.“ Kunibert war ganz begeistert über so viel Höflichkeit und preußischer Korrektheit. Er ahnte, dass Dangalfs Blut preußischer Abstammung war. Peter, der preußische Drache, ist der Vater von Dangalf. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 

„Starterlaubnis erteilt, Herr Drache: Guten Flug!“ Kunibert war stolz darauf, einen so prächtigen Drachen als Gast gehabt zu haben, aber auch froh, dass er die Mannschaft nicht mehr zurückhalten musste, wenn Dangalf endlich abfliegen würde. Dangalf bereitete sich nun schnellstens auf den Abflug vor. Das Wetter begann zu drehen, eine neue Sturmflut drängte heran. Schnell machte er Theodora, seiner Taube, ein Zeichen, dass sie nun kommen sollte. Dann nahm er einen gewaltigen Anlauf.

 

Natürlich ging alles schief. Dangalf stolperte an der Reeling, stürzte dann kopfüber in die Tiefe, nur seine gewaltigen Schwingen retteten ihn. Aber mit ihnen berührte er unsanft Detlef, den Delfin, der neben Willibald nebenher schwamm – und sorgte mit seinen Flügeln für so einen gewaltigen Wasserauftrieb, dass Dagobert wie auf einer Fontäne nach oben schoss, um dann gleich wieder in die Tiefe herabzufallen. Aber Dagobert kannte das schon und fand es auch irgendwo ganz lustig – schließlich ging es ja nur um Wasser: Wasser, das nach oben spritzte, Wasser, das wieder nach unten fiel.

 

Nun legte Dangalf einen Zahn zu. Er wollte unbedingt der Gewitterfront entkommen und möglichst bald bei Tante Elsbeth in Afrika sein. Nur leider hatte er keine Afrikakarten mitgenommen. Auch Theodora, seine Lieblingstaube, wusste nur ungefähr, wo Elsbeth wohnte. Irgendwo am Kilimandscharo, dort eben, wo Harry seine Gabi kennen gelernt hatte. Da – der Riesenberg mit der weißen Spitze musste es sein. Weiß war der Kilimandscharo von dem  ewigen Gletschereis ganz oben, das er auch im Sommer nicht verlor. Schon war Dangalf dem gewaltigen Felsen ganz nahe gekommen, so nahe, dass Pandy sich ein Stück Eis gegriffen hatte. Auch kitzelten die Eisspitzen Dangalf so stark, dass er herzhaft lachen musste. Beinahe hätten sie Theodora und Tyll, den kleinen tapferen Jungen, verloren.

 

Vor ihnen lag also Afrika, die Heimat von Gabi. Obwohl beide Elternteile noch den gerechten Schlaf hart arbeitender Menschen schliefen, wachten sie doch auf: Harry, weil er von Pandy mit einem Schneeball getroffen wurde, und Gabi, weil sie die gute afrikanische Savannenluft roch. Denn unterhalb des Kilimandscharos gab es Flüsse und Seen und viele Wiesen und kleinere Wälder, die Savanne eben.  Nun sahen sie die Einflugschneise, beleuchtet von acht weißen Elefanten – mit Fackeln in ihren Rüsseln und Kriegsbemalung, also licht reflektierender gelber Farbe. Aber Dangalf kam zu hoch herein und drehte lieber nochmals ab.

 

Beim zweiten Versuch klappte es dann doch.  Nur das mit den Elefanten nicht so sehr. Dangalf kam diesmal zu flach herein. Er setzte im See auf statt an Land, dort wo die Elefanten brav und geduldig standen. Zwar war es keine Bruch-, aber immerhin eine Bauchlandung. Dangalf spritzte sie alle voll, so dass Elmar und seine sieben Gefährten richtig böse wurden. Nicht nur gingen die Fackeln aus, sondern auch ihre Kriegsbemalung verschmierte so als ob sie in einen Malkasten gefallen wären. Nun waren sie beleidigt und trotteten laut trötend von dannen. Dangalf wollte schon hinter her, aber er musste an seine Passagiere denken. Das war ihm natürlich peinlich, irgendwie. ‚Naja‘, dachte er sich: ‚wird schon nicht so schlimm sein. Hauptsache, heil gelandet‘. Und das waren sie. Alle waren wohlauf, wenn auch pitschnass. Das war natürlich etwas unangenehm. Weil das Wetter aber so überaus mild war, machte das gar nichts.

 

Es war kurz vor sechs Uhr morgens. Nach einem beispiellos aufregenden Flug waren sie nun am Ziel angelangt. Und Elsbeth stand schon bereit, hob ihren Hut und wollte sie gerade begrüßen…da erhob sich majestätisch die Sonne über ihnen. Gleich hinter dem Kilimandscharo stieg sie als gewaltiger Feuerball hinauf – so herrlich anzusehen, dass alle für einen kurzen Augenblick vergaßen, die Luft zu atmen. Deshalb husteten alle dann einen kleinen Moment. Und Elsbeth sprach: „Willkommen in Afrika! Willkommen in der Sonne! Geht es euch gut, mein lieber Harry und meine liebe Gabi?“ Die beiden Eheleute sahen sich kurz an: Beide waren von dem frühmorgendlichen Flug ganz zerzaust und besonders das kleine Geweih von Gabi sah nicht mehr feierlich aus, aber was sollte es: Sie hatten erreicht, was sie wollten.

 

„Ja, uns geht es gut“, sprachen die beiden Gatten dann wie aus einem Munde. „Herrlich hast du es hier, liebe Tante Elsbeth“, sagte Gabi, „und so schön warm.“ „Ja, du hast Recht, meine Liebste. Schön warm haben wir es hier fast immer – ganz anders als im eiskalten Deutschland, nicht wahr? Nun kommt, der Frühstückstisch ist schon gedeckt.“ Jetzt erst sahen sie ein schönes weißes Rundhaus, mit einer riesigen Platane davor. Unter ihr ein großer länglicher Tisch, wie eine Festtafel gedeckt. Rundherum schwebten die drei Geier – Günter ohne H, Günther mit H und Gottfried mit D –, die sich wie drei Kellner kleideten und auch gebärdeten. Alle staunten über den Reichtum von Elsbeth und ihr Organisationstalent.

 

Nun ging das Frühstück los. Die drei Geier taten, was sie konnten. Besonders Günter ohne H gab sein Allerbestes – und das war viel. Im Sturzflug umkreiste er sie alle und pickte ihnen die knusprigen Croissants auf die Teller, warf ihnen die Butter zu und schenkte immer neuen Kaffee und Tee nach. Derweil war die Sonne schon fast über dem Kilimandscharo ganz aufgegangen. Es begann wärmer zu werden. Es traten die acht eifrigen Elefanten auf den Plan, wenn auch im Hintergrund. Sie stellten sich in Reih und Glied auf, ganz so, wie es auch Blasorchester tun – und so, wie sie es schon beim Landeanflug von Dangalf taten, nur dass sie von diesem so ganz durcheinander geblasen wurden. Dezent bliesen sie allen den Marsch. Es war echt bayrische Blasmusik: Humba-humba-täterä. Solange die Musik nur dezent erschallte, war alles in Ordnung. Aber die acht Elefanten bliesen sich regelrecht warm, was angesichts der steigenden Temperaturen nicht sehr erstaunlich war.

 

Harry fand das gar nicht so schön. Als echter Fan barocker Musik stand er mehr auf Ludwig Güttler und Konsorten. Echt bayrische Blasmusik war nicht sein Fall. Das sah auch Tante Elsbeth, die nicht nur fast alles wusste, sondern auch alles sah, ja sogar Gedanken lesen konnte. Sie gab Gottfried mit D ein Zeichen, und dieser flog ab zu Elmar, dem Dirigenten. Der war erst sehr pikiert, weil er sein Allerbestes gab. Dann aber spielten sie die ‚Vier Jahreszeiten’ von Antonio Vivaldi, besser gesagt, nur den ‚Sommer‘, die restlichen drei fielen unter den Tisch. War ja eh nur Sommer dort in Afrika. Außer der Regenzeit. Aber dazu hatte ja Vivaldi nichts komponiert.

 

Als Elmar den ‚Sommer‘ zum zehnten Mal hintereinander spielen ließ, riss Harry der Geduldsfaden. Ohnehin war das Frühstück zu Ende gegangen. Es war 9 Uhr morgens und Zeit für eine erste Kontaktaufnahme mit Afrika. Aber was war das? Alle Kinder hingen in den Seilen und wussten nicht mehr, wie sie die Augen aufhalten sollen. Sie hatten während des Fluges mit Dangalf alle Augen offen gehalten, um nichts von den spannenden Abenteuern zu verpassen. Am besten gefiel ihnen natürlich, wie Dangalf seinen Strahl auf Willibald, den Wal, los ließ. Nun waren sie fix und fertig. Tyll und Katharina hatten schöne runde Schlafbäckchen, Alena, Pandy und Fritjoff dunkle Augenränder.

 

‚Nun, macht nichts’, dachte sich Harry, ‚dann gehen wir eben alleine los’. Gabi gab ihren Kindern noch schnell einen ‚Gute-Nacht-Kuss‘ – und sie fielen wie in Trance in einen wohlbehüteten Schlaf. Elsbeth musste schmunzeln. So schnell waren die Kinder noch nie eingeschlafen. Harry und Gabi besuchten ihre Tante immer im Winter um diese Zeit, aber obwohl die Kinder alle älter geworden waren, war die Reise für sie immer sehr anstrengend. Da fiel Elsbeth ein, dass der örtliche Radio-Sender erst gestern eine Warnung herausgab – vor Pia, der Riesen-Python. „Harry, Gabi: Ich beschwöre euch. Erst gestern hörte ich von einer ernsten Gefahr. Pia ist unterwegs, die riesige Riesen-Schlange. Ihr braucht jemanden, der euch führt. Ich werde euch Arthur, den Affen, mitschicken. Der kann zwar kein Deutsch, aber kennt den Urwald wie seine Westentasche, äh, wie sein linksseitiges Fell.“

 

Harry und Gabi willigten schnell ein. Diesmal hatten sie darauf verzichtet, Waffen mit zu nehmen. Normalerweise hatte Harry immer seine Flinte mitgenommen, die ihm sein Großvater vererbt hatte: Es war Hubertus, der bayrische Oberhirsch, der dem damaligen Revierförster Franz einen so gewaltigen Schrecken einflößte, dass dieser sofort die Flucht ergriff und niemals mehr im Staatswald Nr.51 gesehen wurde. Na jedenfalls gaben sie Arthur beide ihre Vorderhufe und sagten brav auf Afrikanisch: „Guten Tag“. Arthur war ein aufgewecktes Kerlchen, so groß wie ein Rauhaardackel, klein, aber Oho. Leider aber nicht gerade mit Verstand gesegnet. Immerhin kannte er die meisten Pfade im Dschungel.

 

„Harry, lass uns gehen!“, sprach Gabi fordernd. Die Sonne begann richtig heiß zu werden. Es war nur sinnvoll, sich langsam in Richtung Dschungeleingang zu begeben. Gleich hinter dem Rundhaus von Tante Elsbeth, der guten alten Elefantendame, begann er: Groß, dunkel und feucht. Einen eigentlichen Eingang gab es dort nicht. Nur viele Palmen, Lianen, Büsche und Sträucher. Aber immerhin konnten sie im Schatten laufen, weil die Sonne nur wenig bis zum Boden durchdrang. Harry ging gemächlich hinter dem Affen her, der sich immer wieder kurz umschaute, ob die beiden Huftiere auch folgen würden. Er hatte alle Zeit der Welt und wollte nur ein bisschen ausruhen. Da hörten sie plötzlich ein Rauschen. Es war Dangalf, der wieder einmal Startschwierigkeiten hatte, zu spät abhob und dabei die Palmenwipfel striff. Aber das war nicht schlimm, denn Dangalfs Bauch war ja gepanzert.

 

Nein, schlimm war etwas Anderes. Sie sahen Arthur nicht mehr. Es schien, als hätte der Urwald den lieben Arthur einfach verschluckt. Harry und Gabi blieben stehen und sahen sich an. „Gabi, weißt du eigentlich, wie hübsch du aussiehst?“, sagte Harry voller Andacht seiner Gemahlin. „Aber Harry“, Gabi errötete, „nicht doch. Wir müssen wissen, was mit Arthur los ist.“ „Natürlich, meine Liebe, natürlich“, brummte Harry in seinen nicht vorhandenen Bart hinein. Er liebte es, wenn es ihm immer wieder gelang, seine liebe Frau zum Erröten zu bringen. Das zeigte, dass er ihr Gefühl traf und sie ihn liebte.

 

Offensichtlich waren sie in größeren Schwierigkeiten, als sie ahnten. Arthur blieb wie vom Erdboden verschluckt unauffindbar. Dafür sahen sie vor sich ein gelb-schwarz gestreiftes Etwas, das sich zu schlängeln schien. „Harry sieh mal: Die Schlange, von der Tante Elsbeth erzählte“, Gabi war außer sich. Am liebsten hätte sie sich hinter Harry versteckt, ja sich unter ihn geworfen. Gut, dass sie es nicht tat. Auch Harry hätte das am liebsten bei ihr getan, nur durfte er nicht: Er war ihr Gatte. Aber er durfte ihr einen guten Vorschlag machen, und der war denkbar einfach. „Lass uns flüchten“, sprach Harry schnell. „Aber wenn sie uns hinterher kommt?“ erwiderte Gabi. „Aber, Schatz, wir sind Huftiere und viel schneller als jede Schlange“, sprach’s und setzte zum Laufen, besser zum schnellsten Galopp seines Lebens an. Beinahe hätte er vergessen, dass er verheiratet war.

 

Gabi kam nicht so schnell hinterher. Sie hatte als junges Mädchen eine schwere Operation hinter sich und hinkte ein bisschen. „Harry“, rief sie kleinlaut, „nicht so schnell.“ „Ja, mein Schatz, du hast Recht. Es tut mir sehr leid, ich habe wirklich Angst, aber zusammen schaffen wir das schon.“ „Meinst du wirklich?“, meinte Gabi. „Na klar: Wir sind schneller und stärker“, beschwichtigte er seine Gemahlin, aber auch sich selbst. Immerhin war er es, der schon ganz in Schweißausbrüche geraten war. Gleich waren sie bei Tante Elsbeth, sie stoppten und holten Atem. Was würde Elsbeth sagen? Sie hatten Arthur ja im Urwald zurückgelassen, ohne zu wissen, was mit ihm ist.

 

„Elsbeth, uns ist etwas Schreckliches geschehen“, rief Gabi ganz verschreckt und sehr laut: „Arthur ist weg. Und wir haben die Schlange gesehen.“ Elsbeth versuchte, Ruhe zu bewahren. „Na, meine Kinder, nur alles mit der Ruhe. Was ist geschehen?“ Harry begann kurz zu schildern, was sie gesehen hatten: Ein gelb-schwarzes Etwas, das sich zu bewegen schien und Arthur, der fehlte. Während Harry erzählte bewegte Elsbeth den Kopf, ja, sie schien ihn sogar zu schütteln. „Merkwürdig, Harry, ganz merkwürdig. Pythons sind blau-weiß gestreift und nicht gelb-schwarz. Und Pythons verstehen sich mit lieben, wenn auch frechen Affen wie Arthur sehr gut, übrigens auch mit weniger lieben. Seid ihr sicher, dass ihr eine Schlange gesehen habt?“ Gabi erwiderte: „Na, eine gelb-schwarze Strumpfhose wohl nicht, Elsbeth!“ Gabi konnte nicht verstehen, wie Elsbeth alles bagatellisierte. So sehr aufgeregt hatte sie sich schon lange nicht mehr. Da war der Flug mit Dangalf geradezu ein Ausruhen im Schoße Abrahams.

 

„Gabilein, ich glaube schon, dass ihr nicht vor einem Kleidungsstück ausgerissen seid. Ich denke nur laut nach und sage, was ich weiß. Ich schlage vor, dass ihr erst einmal einen Aperitif (ein aufmunterndes Getränk, denn in der Sonne soll man viel trinken) zu euch nehmt. Und das Mittagessen wird auch gleich fertig sein. Es wird uns sicher noch etwas Kluges einfallen.“ Dabei sah sie verstohlen zu Elmar hin, der das kurze Gespräch interessiert verfolgt hatte. Harry und Gabi genehmigten sich nun einen kleinen Drink und setzten sich unter die große Palme vor dem Haus von Tante Elsbeth.

 

Derweil wurde das Essen aufgetragen. Weil es sehr heiß war, gab es nur leichte Speisen: Eine Spinatsuppe, gekochte Palmenblätter, getrocknete Feigen und als Nachspeise Joghurt mit einem Hauch von Minze. Die Harry-Hirsch-Familie verschmähte natürlich die getrockneten Feigen, die waren auch für die acht Elefanten gedacht, die sich dazu setzten. Das war gar nicht so leicht, weil sie so schwer waren. Sie saßen auf alten Lastwagen-Reifen, die mit Kautschuk aufgemöbelt worden waren. Alle aßen schweigsam. Alle wussten, dass etwas Ungewöhnliches vorgefallen war und waren voller Erwartung des Kommenden. Spannende Abenteuer lagen vor ihnen. Dabei waren sie ja Abenteuer am laufenden Meter gewohnt: sei es die Riesen-Krabbe, sei es der Riesen-Hummer und noch vieles andere mehr.

 

Elmar, der Kommandant der Elefanten, ergriff das Wort: „Liebe Harry-Hirsch-Familie: In Anbetracht der derzeitigen Lage haben Elsbeth und ich uns überlegt, ob wir – meine sieben Elefanten und ich – euch nicht in den gefährlichen Dschungel begleiten sollten. Pia, die Python, wird uns dabei nicht aufhalten. Auch wird es langsam Zeit, Arthur zu suchen, sonst ist er längst verdaut worden. Was meint ihr?“ Harry hatte schon gesehen, wie sich Elsbeth mit Elmar unterhalten hatte, nachdem sie den Vorfall geschildert hatten. Natürlich war es schön, wenn sie im Urwald eine starke Eskorte hätten. Dann bliebe es spannend, aber fast gar nicht mehr gefährlich. Die Kinder waren sofort begeistert. Pandy und Fritjoff riefen: „Stark! Auf Elefanten reiten. Mensch, das wäre ja richtig klasse!“ Aller Augen waren nun auf die Eltern gerichtet. Harry und Gabi stand der Schweiß im Gesicht. Am liebsten hätten sie alles abgeblasen. Warum sich überhaupt in Gefahr begeben? In all den Geschichten vorher kam die Gefahr plötzlich und unverhofft, nun würden sie sich mit offenen Augen in Gefahr begeben. Das war etwas ganz Anderes.

 

Fragend schauten sie auf Elsbeth: „Tante Elsbeth, was meinst du?“ Elsbeth sah richtig heiter aus. Sie kannte ihre Hirsch-Familie und wussten von all ihren Abenteuern, die sie schon bestanden hatten. „Lieber Harry, liebe Gabi: Mal ehrlich – war nicht allein der Flug mit dem Drachen Dangalf viel gefährlicher als es so ein Ritt auf acht Elefanten je sein könnte?“ Elmar nickte. Zweifellos würden sie nicht nur allen Gefahren trotzen, sondern sie buchstäblich platt machen. An ihnen kam keiner vorbei. Auch war es inzwischen so brüllend heiß, dass auch nur das kleinste Nicken mit dem Kopf zu Schweißausbrüchen führte. Deswegen sprach Gabi: „Liebe Tante. Ja, du kennst uns und hast sicher Recht. Nur sind wir hier, um uns zu erholen, gerade von den Geschichten vorher. Verstehst du?“ Harry und Gabi sahen sorgenvoll aus. Eigentlich wollten sie nur ein bisschen baden gehen, in der Sonne bräunen und dabei ein bisschen Tee trinken, mehr eben nicht.

 

Tante Elsbeth hatte den richtigen Einfall: „Was haltet ihr davon, wenn wir zu Gott beten und ihn um seinen Schutz bitten. Einer muss schließlich nach Arthur schauen.“ Das leuchtete allen ein. Immerhin hatten sie Arthur, den Affen, ja in diese Bedrängnis gebracht. Und wer weiß, ob er überhaupt noch lebte. Harry seufzte: „Liebe Tante, du hast recht. Lasst uns beten: Für Arthur und unser aller Bewahrung.“ Alle falteten die Hände, äh, die Hufen, Klauen und Krallen. Harry sprach: „Lieber Vater im Himmel: Behüte Arthur und auch uns. Führe alles zu einem guten Ende.“ Alle sprachen danach laut ihr ‚Amen‘, um diese Gebetsbitte zu bekräftigen. Elmar und seine sieben Kerle schnallten schnell die Sitze um. Er würde sie führen, während die siebenköpfige Familie auf den anderen Platz nahm. „Wenn die Sonne untergeht, kommt ihr sofort zurück. Auch schicke ich euch die drei Geier Günter ohne H, Günther mit H und Gottfried hinterher, die mir immer berichten sollen.“

 

Schon waren sie fast im Dschungel. Die Hitze machte jede einzelne Bewegung schwer. Elmar und Kohorte taten ihr Bestes und trampelten einfach darauf los. Dabei stimmten sie ihr lautetest ‚Trörö‘ an, damit auch wirklich jedes Tier im Wald wusste, dass die ‚Fabelhaften Acht‘, so nannte sich das Oktett, durch den Wald schritten, äh, stampften. Sogleich kamen sie am Eingang des Dschungels zum gelb-schwarz gestreiften Etwas. Plötzlich blieb Elmar so unvermittelt stehen, dass alle anderen beinahe über ihnen purzelten: Ein Haufen Elefanten übereinander, das muss man sich mal vorstellen. Fast hätten die Dickhäuter die Hirsch-Familie unter sich begraben. Aber ihre Sänften auf dem Rücken waren mit Airbags gesichert, so dass für die Sicherheit ausreichend gesorgt war. Harry räusperte sich: „Herr Elmar, könnten sie bitte ihren Schwanz von meinem Geweih nehmen? Im Übrigen liegen wir alle geradezu auf dem gelb-schwarzen Etwas. Es sieht ganz aus wie eine Strumpfhose.“

 

Alle waren verblüfft. Eine Strumpfhose, mitten im Urwald, was hatte das wohl zu besagen? Waren sie also vor einer Strumpfhose schnurstracks nach Hause geflohen? Elmar meinte nur lapidar: „Ja, das ist wohl eine Strumpfhose. Wohl von einem großen Tier, das fliegen kann. Denn die Strumpfhose sieht nicht sehr benutzt aus.“ „Dandalf, das Dandalf das“, war Katharinas piepsiges Stimmchen zu vernehmen, die ein ‚G’ nicht von einem ‚D’ unterscheiden konnte. „Richtig, mein kleines Schätzchen, das ist von Dangalf. Warum sind wir nicht gleich darauf gekommen? Er muss es beim Abflug aus Afrika verloren haben. Er war ja auch recht nahe über unsere Köpfe geflogen, nicht wahr, Liebes?“

 

Harry sagte immer ‚Liebes‘ zu seiner Frau, wenn ihm etwas peinlich war. Er war also offensichtlich vor einer Strumpfhose ausgerissen und hätte beinahe seine Frau im Stich gelassen – vor lauter Angst. Aber Gabi hatte ihm schon vergeben. „Ja, mein Dickerchen, alles halb so wild.“ ‚Dickerchen‘ wiederum sagte Gabi immer dann, wenn sie ihm vergeben hatte, aber noch daran zu knabbern hatte, denn zu vergeben, ist nicht immer ganz leicht.

 

„Na dann ist es ja gut“, hörte Harry sich sagen, „dann können wir wieder nach Hause umkehren.“ „Aber Papa, was ist mit Arthur, dem Affen?“, war Pandy zu vernehmen. „Richtig, mein Großer, wir haben ja noch gar nicht Arthur gefunden. Dann werden wir wohl weiter suchen müssen.“ Gottfried war gerade zu ihnen herunter geschwebt und landete auf der Strumpfhose von Dangalf. Er konnte sich eines Grinsens nicht enthalten. Das sollte also Pia, die gefährliche Python, gewesen sein? Er nahm die Strumpfhose in seinen Schnabel und flog zurück zu Elsbeth.

 

„Lasst uns weiter dem Trampelpfad folgen. Wir werden Arthur schon finden“, sagte Elmar zuversichtlich. Noch war die Sonne nicht untergegangen, und das ganze Unternehmen war gefährlicher denn je. Sie folgten langsam und bedächtig dem schmalen Pfad. Die Aufregung um den Strumpf hatte Nerven gekostet. Nun galt es, wachsam zu sein. Alle riefen abwechselnd: „Arthur, Arthur, Arthuuuurrrrr.“ Aber der Urwald schien undurchdringlicher denn je. Affen sind wie kleine Kinder, dachte Gabi, sie spielen eben gerne, nur wo? Da, hinter der großen Palme hinten links ragte ein gelb-schwarzer Schwanz hervor, aber war es ein Affenschwanz und zwar der von Arthur? Oder wieder ein verlorenes Kleidungsstück?

 

Nein, es war der Schwanz von Lothar, dem Löwen. Er war schlechter Laune. Und deswegen legte er seinen Schwanz mitten auf den Trampelpfad, damit die Dschungeltiere sich erschreckten. „Hey, Loddar, wie geht’s, wie steht’s altes Haus?“ Es war Elmar, der Lothar als Erstes erkannte. „Na, Elmar, wie du siehst habe ich Langeweile. Und wie geht’s euch?“ Elmar, der Elefant, freute sich Lothar zu sehen. Von einem gelangweilten Löwen ging keine Gefahr aus, vorerst jedenfalls nicht. „Wir suchen gerade Arthur, den Affen: Hast du ihn vielleicht gesehen?“ Lothar wusste im Allgemeinen vollkommen Bescheid, er war schließlich der König des Urwaldes. „Na klar, Elmar, immer geradeaus, er wird derweil von Pia, der Riesen-Python, verspeist. Sie wollte mir etwas abgeben, aber ich bin im Augenblick Vegetarier. Magenverstimmung“, ließ sich Lothar vernehmen, durchaus immer noch recht gelangweilt, aber inzwischen auch neugierig, wie die kleine Elefantenherde reagieren würde.

 

„Lothar, bist du von Sinnen: Warum soll denn unser armer Arthur gegessen werden?“, sprach der erschreckte Elmar schnell. „Ach, Elmar, der ist doch einfach rotzfrech und hat Pia nicht nur am Schwanz gezogen, sondern ihn auch noch an der großen Palme dahinten verknoten wollen.“ Elmar war nun hellwach. Schnell kombinierte er: Elmar musste dahinten, hinter der großen Palme, sein. Elmar rief laut: „Liebe Pia, bitte Arthur nicht aufessen – bbbiiiiiitte nicht!“ Arthur war schon fast nicht mehr zu sehen, nur noch sein Schwanz ragte aus Pia heraus, der sah nun blau-grün aus, wie sein Mageninhalt.  Pia wollte gerade auch den letzten Rest verschlucken, da sah sie auf.

 

„Elmar, du hast mir gerade noch gefehlt. Ich will doch nur mein Mittagessen verdrücken. Und Arthur hat doch nun wirklich eine Abreibung verdient. Meinst du nicht auch?“, setzte Pia, die Riesen-Python, hinzu. Auch Elmar war der langjährigen Überzeugung, dass Arthur einen Denkzettel brauchte. Eigentlich war Arthur schon als einziges Nervenbündel geboren worden. Es gab kein Tier in der Savanne und im Urwald, dem er nicht schon einen üblen Streich gespielt hatte. Einzig Tante Elsbeth vertraute er, aber auch nur, als sie ihn aus einem Suppentopf rettete, den er ausschlecken wollte.

 

Aber sollte man ihn deshalb gleich aufessen? Elmar, der Elefant, rief: „Arthur, Aaaarrrthuuuuuurrrrrr: Hörst du mich?“ Undeutlich hörte er daraufhin ein Gebrabbel: „Hm, hm, mmmmmh, ooauaurrrr!!!!“ Immerhin: Arthur lebte noch. Pia hatte ihn ja nur verschlungen, aber nicht zerbissen, denn so etwas tun Pythons normalerweise nicht. Eine Pythonschlange schluckt ihr Fressen herunter und verdaut es dann ganz langsam, manchmal tagelang. Noch also konnte Arthur gerettet werden. Nun musste sich Elmar, der Elefant, etwas ganz Besonderes ausdenken, um Arthur zu befreien. Ohne Arthur konnte er Tante Elsbeth, die immerhin seine Patenttante war, äh, Patentante, nicht unter die Augen kommen. Aber was sollte er Pia sagen? Sollte er ihr Bananen bieten? Es stimmte schon, dass Arthur eine echte Nervensäge war.

 

„Liebe Elsbeth“, begann Elmar zögernd, „äh, liebe Pia: Du hast Hunger und Recht, denn Arthur ist eine echte Nervensäge. Aber musst du ihn gleich aufessen? Was hältst du von einem Kompromiss?“ Elmar wusste, dass Pia, die Riesen-Pythonschlange, Kompromisse liebte – die klangen immer so vernünftig. Und Pia wollte vernünftig sein, immerhin trug sie eine Brille und konnte lesen. „Ach Elmar, du weißt ja, ich liebe Kompromisse. Was also schlägst du vor, sonst bekomme ich von Arthur noch Blähungen, auch scheint sein Schwanz unverdaulich.“ „Oh liebste Pia“, hob Elmar feierlich an, „du edelste unter den wunderbaren Pythons: Arthur soll dir ein halbes Jahr lang dienen und dir jeden Morgen den Rücken massieren und mindestens eine Banane zum Frühstück pflücken. Außerdem soll er dir für den nahen Winter eine Strumpfhose stricken. Na, was hältst du davon?“ Pia war eine gebildete Schlange, eine echte Brillenschlange. Ihre Brille war der letzte Schrei der Mode-Messe von Shanghai, äh, Schlanghai, mit Brillianten besetzt.

 

„Och, Älmaor, du olter Schlawiner“, erwiderte Pia in breitestem Sächsisch, „nu hoast du mich aber erwischt. Wie kann ich da Nein sagen. No kloar, es sei. Und was meinst du, mein kleiner Affe?“ Man vernahm ein „Oahaoh, jaoaaojaoajao!“ Und Pia drückte und schüttelte sich und presste und zuckelte. Nach und nach kam der ganze Arthur zum Vorschein: Erst der Schwanz, der nun nicht mehr blau-grün, sondern nur noch Pythonmagen-gelblich war, dann die Hinterpfoten, sodann der kleine, aber nicht zu verachtende Bauch, die von der Magensäure angefressenen Vorderpfoten und der kleine freche Kopf. Gleich wollte Arthur, der Acht-vor-Zwölfte – die Stunde seiner Geburt –, wie er mit Nachnamen hieß, protestieren, wie es seine unrühmliche Art war. Da fuhr ihm auch schon Elmar mit einem lauten Trörö über den Mund: „Was unterstehst du dich, kleiner Rotzlöffel? Alle ärgerst du bis zur Weißglut und willst noch den Mund aufreißen. Wenn du noch einen falschen Ton sagst, kommst du zurück in den Magen von Pia!“ Das wirkte. Schlagartig wurde Arthur aschfahl und gab keinen Mucks mehr von sich.

 

Was soll ich euch nun sagen: Das ist das Ende der Geschichte. Die Elefanten trotteten mit der Harry-Hirsch-Familie zurück zu Tante Elsbeth und flogen dann am nächsten Morgen mit Dangalf wieder zurück, dem sie seine Strumpfhose mitbrachten. Na und Pia und Arthur wurden die dicksten Freunde, ach was, es war Liebe auf den zweiten Blick, denn beide kamen sich bei den täglichen Massagen näher und näher…