Jesus in Abu Dhabi II

Ist die „Vielfalt der Religionen“ vereinbar mit Gottes Weisheit?

Berlin, 3. Februar 2019

  1. Vorbemerkung

Anfang Februar 2019 besuchte unser Heiliger Vater als erster Papst den Arabischen Halbmond, um im Sportstadion von Abu Dhabi eine Heilige Messe für 180.000 Menschen zu feiern.

Zuvor hatte er mit dem Großiman der ägyptischen Al-Aznar-Universität die ‚Erklärung zur Gewisterlichkeit‘ unterzeichnet; dort heißt es unter anderem:

„Der Pluralismus und die Verschiedenheit in Bezug auf Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie und Sprache entsprechen einem weisen göttlichen Willen, mit dem Gott die Menschen erschaffen hat. Diese göttliche Weisheit ist der Ursprung, aus dem sich das Recht auf Bekenntnisfreiheit und auf die Freiheit, anders zu sein, ableitet.“[1]

Einige Christen, wie z.B. die schismatische FSSPX[2], fragen sich nun, ob diese Formulierung ein Irrtum ist bzw. zu Irrtümern führen kann.

 

  1. Natur und Gnade: das katholische Thema schlechthin

Die Natur des Menschen ist in seiner Ebenbildlichkeit schwer verwundet durch die Erbsünde, aber es ist ihm möglich, mit Hilfe der Vernunft, zu erkennen, dass es einen Gott gibt.

Und es ist uns Menschen möglich, zu erkennen, dass wir das Gesetz Gottes mit eigenen Kräften nicht halten können.

Der Völkerapostel Paulus sagt in seinem Römerbrief, dass wir Menschen allesamt zur natürlichen Gotteserkenntnis durch den Schöpfungsbeweis fähig sind:

„Seit Erschaffung der Welt wird nämlich seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit. Daher sind sie unentschuldbar.“(Röm 1,20)

Mit einem Wort: kein Mensch kann sich damit entschuldigen, er hätte von Gott nichts gewusst.

Und weiter:

„Denn obwohl sie Gott erkannt haben, haben sie ihn nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt, sondern verfielen in ihren Gedanken der Nichtigkeit und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert.“(Röm 1,21)

Anders gesagt: die natürliche Gotteserkenntnis führt nicht zur Rettung des Menschen; denn wir Menschen sind so abgrundtief böse, dass wir Gott einfach beiseiteschieben.

 

Unbedingt benötigen wir Gottes übernatürliche Gnade, um gerettet zu werden. Umgekehrt gilt aber auch: unsere menschliche Natur muss zuerst zu ihrem Recht kommen, denn die menschlichen Grundintentionen Vernunft und Gewissen müssen geheilt werden.

Der Grundsatz des heiligen Thomas gilt:

„Die Gnade zerstört die Natur nicht, sondern baut auf ihr auf und vervollkommnet sie“[3]

 

  1. Was sagt das Tridentinum zu Natur und Gnade?

Seit dem größten Konzil aller Zeiten, dem Tridentinum, wurde gegen Martin Luther festgestellt, dass der Mensch als Ebenbild Gottes schwer krank ist, aber die grundlegenden Intuitionen des Willens, der Vernunft und des Gewissens in Resten erhalten geblieben sind.

In dem Dekret De iustificatione[4] wird die gesamte Bandbreite aller natürlichen Hilfen Gottes genannt.

Unter dem Begriff der vorausgehenden Gnade, Gratia praeveniens, werden die Hilfen des Heiligen Geistes, auxilia Gratiae, in Bezug auf die Vernunft genannt: Predigt des Wortes Gottes im Evangelium, geistliche Bücher, Eingebungen von Gedanken sowie Erinnerungen an frühere Vorkommnisse etc.

Auch die ewige Vorhersehung ist hier zu nennen, damit der Gottsuchende überhaupt eine Kirche findet, was z.B. im Arabischen Halbmond nicht einfach ist, oder in das Ausland reisen kann.

Diese Vorbereitung auf die Einverleibung des Heiden in Jesus Christus, praeparatio Gratiae, ist unbedingt notwendig, denn ohne echte Gotteserkenntnis durch die Vernunft kann es keine echte Gottesliebe geben.

Natur und Gnade bedingen sich nicht nur wie eine Leiter, die auf den Baum führt, sondern die Natur bleibt immer die Grundlage, die durch die übernatürliche Gnade geheilt und noch schöner wird, weil sie vervollkommnet wird.

Erst wenn der Gottsuchende seiner Erlösung in Jesus Christus zustimmt, wird die sakramentale übernatürliche Gnade geschenkt: Gratia sanctificans. In der Taufe bzw. in der Beichte und Eucharistie wird es uns ermöglicht, Gott wahrhaft zu lieben.

 

  1. Was sagt das Zweite Vatikanische Konzil?

Es sagt nichts Anderes als das, was die heilige Kirche schon immer gelehrt hat. Nur präzisiert sie Einiges, z.B. in der Frage der Religionsfreiheit.

In der Erklärung über die Religionsfreiheit, Dignitas humanae, heißt es unmissverständlich:

„Wir glauben, dass diese einzige wahre Religion in der katholischen und apostolischen Kirche da ist, der der Herr Jesus die Aufgabe anvertraut hat, sie bei allen Menschen auszubreiten“[5]

Mit einem Wort: die Konzilsväter sahen nicht den geringsten Unterschied zwischen dem Anspruch der katholischen Kirche, die einzige wahre Religion zu sein, und der Religionsfreiheit.

So lehrt Dignitas humanae:

„Gemäß ihrer Würde werden alle Menschen, weil sie Personen sind, d.h. mit Vernunft und freiem Willen begab und daher durch persönliche Verantwortung erhöht, durch ihre eigene Natur gedrängt sowie durch eine moralische Verpflichtung gehalten, die Wahrheit zu suchen […] Also gründet das Recht auf religiöse Freiheit nicht in einer subjektiven Verfassung der Person, sondern ihrer Natur selbst. Deshalb dauert das Recht auf dieses Freisein auch in denjenigen fort, die der Verpflichtung, die Wahrheit zu suchen und ihr anzuhangen, nicht Genüge tun; und ihre Ausübung darf nicht behindert werden, solange nur die gerechte öffentliche Ordnung gewahrt wird.“[6]

Die Begründung ist einfach: die menschliche Willensfreiheit selbst ist der Grund für die Religionsfreiheit.

Erinnern wir uns an den Sündenfall.

 

  1. Religionsfreiheit im Paradies

Adam und Eva wussten im Paradies alles von Gott, aber wollten noch ein bisschen mehr Erkenntnis. Da war die eine Frucht vom Baum der Erkenntnis. Der Teufel in Gestalt der Schlange verführte zuerst Eva und Eva schließlich Adam – und schon hatten die beiden ersten Menschen eine neue Religion geschaffen (vgl. das dritte Kapitel im ersten Buch Mose). Nennen wir sie: Gottesreligion Nr.2. Weil Gott nicht reicht, muss es ein bisschen mehr sein, eine Sonder-Offenbarung ‚Plus‘.

Adam und Eva beteten nicht mehr den einzigen wahren Gott an, sondern ihr sinnliches Verlangen, ihren Bauch.

Der Völkerapostel Paulus nennt den gleichen Zusammenhang in Bezug auf die ersten Christen:

„ihr Gott [ist] der Bauch“(Phil 3,19).

Mit einem Wort: auch wir Christen sündigen, wenn nach dem Plus streben, dem Mehr, und sind vor falschen Götzen nicht gefeit. Die Religionsfreiheit ist also immer auch für uns Christen notwendig, nämlich als die Freiheit der Buße und Umkehr.

 

  1. Gottes Allmacht und Allwissenheit

Wir haben gesehen, dass der Satz, wonach „der Pluralismus und die Vielfalt der Religionen“ ein „weiser göttlicher Wille“ sei, überhaupt nicht ketzerisch ist.

Denn die vollkommene Grundlage der Weltgeschichte ist die Weisheit Gottes. Denn in Ewigkeit wusste unser barmherziger Vater im Himmel, dass Adam und Eva sündigen würden.

Weit entfernt davon, nun durch den Teufel in Verlegenheit zu kommen, sann unser Vater im Himmel auf das Größte überhaupt: die Erlösung in Seinem Sohn Jesus Christus.

Ja, der himmlische Vater hat die Natur nun nochmals überboten, indem Er sie vervollkommnet hat.

Der Heilige Thomas schrieb ja in dem Satz weiter oben, wonach die Gnade Gottes die menschliche Natur vervollkommnet:

Gratia […] perficit naturam[7].

Statt also eine Niederlage zu erleiden, hat Gott der Vater ein noch viel schöneres Paradies erschaffen, indem Er die Welt des Menschen zum Besseren hin gesteigert hat.

Und dies tat Er, indem Er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird, wie es der Evangelist Johannes im einundzwanzigsten Kapitel schreibt: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen“(Offb 21,1).

 

  1. Beten wir für FSSPX

Wir haben gesehen: weit davon entfernt, ein Ketzer zu sein, hat der Heilige Vater das getan, was seines Amtes ist, nämlich die Schafe zu weiden und das Evangelium zu verkünden.

Beten wir für die Verantwortlichen der Priesterbruderschaft FSSPX, dass sie zur Herde Christi zurückkehren und ihre falschen Anschuldigungen unterlassen, indem sie Buße tun.

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Literaturverzeichnis:

  • Die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils, Zweisprachige Studienausgabe, hg. v. Peter Hünermann, Freiburg-Basel-Wien 2012.
  • Heinrich Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, Freiburg-Basel-Wien 40.Aufl. 2005 (DH).
  • Siebenrock, Roman A., Theologischer Kommentar zur Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra aetate, in: Herders theologischer Kommentar, Band 3, Freiburg-Basel-Wien 2005, 591-693.

 

 

 

[1] https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-02/papst-franziskus-abu-dhabi-gemeinsame-erklaerung-grossimam.html

[2] https://fsspx.news/de/news-events/news/kommuniqué-des-generaloberen-der-priesterbruderschaft-st-pius-x-45347

[3] „‘Gratia non destruit, sed supponit et perficit naturam‘(STh I, I, 8 ad 2; I, 2, 2 ad I; De Veritate 14, 10 da 9)“(zitiert nach Siebenrock, 606, Fußnote 51).

[4] DH 1520-1583.

[5] „Hanc unicam veram Religionem subsistere credimus in catholica et apostolica Ecclesia, cui Dominus Iesus munus condredidit eam ad universos homines diffudendi“(Übersetzung und lateinischer Text nach, Das Zweite Vatikanum, 437).

[6] Dokumente des Zweiten, 439; vgl. auch KKK 2104-2109.

[7] S.o.

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