Reden wir von einem ‚Einzelfall‘

Wer die Regel in den ‚Einzelfällen‘ nicht erkennen möchte

Berlin, 22. August 2018

Soeben las ich in meiner Lieblingszeitung ‚Die Welt‘ eine Kolumne von Hannes Stein. Er ist Jude, aber so liberal, dass er eigentlich fast katholisch ist. Jedenfalls verteidigt er das Recht des Kindes auf sein Leben – vor der Geburt.

Und jetzt musste ich auf der Heimfahrt in der S-Bahn fast kotzen. Ich gebe mir im Allgemeine Mühe, lieber meine eigenen Sünden zu sehen – und die der anderen schönzureden.

Aber hier ist nichts schön. Hier ist nur nackte Hölle – auf Erden, zum Beispiel im Leben von George (14). Hannes Stein erzählt eine Geschichte aus den Pennsylvania-Papieren (Kolumne von Hannes Stein):

Reden wir also von einem einzelnen Menschen, einem Teenager namens George. Er freundete sich mit einem jungen Priester namens George Zirwas an. Eines Tages – George war 14 Jahre alt – lud Zirwas ihn in eine Pfarrwohnung im Süden von Pittsburgh ein. Dort waren schon andere Priester versammelt. Sie befahlen George, sich auf ein Bett zu stellen, sein Hemd auszuziehen und die Pose von Jesus am Kreuz einzunehmen. Dann sagten sie dem Jungen, er solle seine Hose und Unterhose ausziehen. Dann machten sie mit einer Polaroidkamera Fotos von ihm – und legten sie auf einen Stapel mit Nacktfotos, die sie von anderen minderjährigen Jungen gemacht hatten. Dabei kicherten sie. Es handelte sich bei diesen kichernden Priestern um eine Bande von Pädophilen, die sich ihre Opfer sorgfältig heranzogen. Sie vergewaltigten, sie schlugen, sie höhnten, sie waren grausam. Und sie hatten sich etwas Besonderes ausgedacht: Um den anderen Mitgliedern der Bande zu signalisieren, dass ein Junge als Opfer zur Verfügung stand, schenkten sie ihm ein großes, goldenes Kreuz, das er sich um den Hals hängte. Auch George trug ein solches Kreuz.

Und:

Manche von ihnen fragen sich jetzt: Warum noch katholisch bleiben? Denn eines muss klar sein: Jene kichernden Priester, die einen nackten Jungen blasphemisch in der Pose von Jesus am Kreuz ablichteten, haben nie an ein Wort der Evangelien geglaubt. Sie haben sich nicht von jenem Vers aus dem Neuen Testament schrecken lassen (Matthäus 18,6), in dem davon die Rede ist, dass es für Leute, die sich an Kindern vergreifen, besser wäre, sie würden mit einem Mühlstein um den Hals an der tiefsten Stelle des Meeres versenkt. Die Idee, die Missbrauchsopfer mit einem goldenen Kreuz – dem Symbol des Todes, das vom Christentum in das Zeichen der Erlösung umgedeutet wurde – zu brandmarken, scheint geradewegs aus einem Horrorroman von Stephen King zu stammen. Auch einem Nichtchristen kommt hier das Adjektiv „teuflisch“ in den Sinn.

Beten wir für George, dass er den Glauben an den lebendigen Gott nicht verloren hat, für seine Eltern, dass sie dem Priester vergeben – und für den Priester selbst, dass er seine Todsünden beichtet. Und beten wir vor allen Dingen für die ganze katholische Kirche, dass dieser Morast wieder das wird, was er jetzt überhaupt nicht ist: ein Einzelfall moralischer Verkommenheit. Amen.

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